Hier gibt es Mutmach-Geschichten
denn Gemeinsam ist man viel stärker und vielleicht ist ja jetzt Jemand bei Dir, der gemeinsam mit Dir die Geschichten liest oder sie Dir sogar vorliest
Das kleine Einhornmädchen
Es war einmal ein kleines Einhornmädchen, dass wohnte in einem Land weit weg von hier mit ihrer Mutter und ihrem Vater. Die Einhornfamilie wohnte in einem alten Haus mitten im tiefen Wald. In der Nähe des Hauses war ein hoher Berg und wenn das kleine Einhornmädchen fröhlich war, ging es auf diesen Berg und blickte über die unendlichen Wälder, die glitzernden Seen und die fernen blauen Berge. Dann wurde es immer noch fröhlicher, denn in ihrem Herzen wuchs eine grosse Sehnsucht. Die Welt erschien ihr endlos gross und aufregend.
Am Tage ging das kleine Einhornmädchen meistens in den Wald zu seiner Freundin, einer Trollin. Mit ihr gemeinsam genoss es das Baden im Bergsee. Sie planschten vergnügt im Wasser und jauchzten vor Freude. Und wenn die Sonne auf das Fell des Einhornmädchens strahlte, glitzerten ihre Flügel in allen Farben des Regenbogens. Für einen kurzen Moment konnte sie glauben, dass sie das schönste Einhornmädchen auf der Welt ist.
Oftmals gingen die zwei Freundinnen zur weisen Eule. Die kluge Eule konnte so phantastische Geschichten erzählen. Das Einhornmädchen mochte die Eule sehr; sie schien alles über die Welt zu wissen und hatte immer Zeit, etwas zu erzählen.
Eines Abends, als das Einhornmädchen mit Vater und Mutter um den Essenstisch in ihrem Haus sass, erzählte die Mutter, sie habe Post von ihrer Schwester bekommen, sie ist sehr krank geworden und bräuchte ihre Hilfe. Die Mutter würde früh am nächsten Morgen zu ihr fliegen und einen Tag und eine Nacht wegbleiben. "Mama", fragte das kleine Einhornmädchen: "kann ich mitkommen?", denn es stellte sich die aufregende Reise zu den blauen Bergen vor. "Nein, mein Kleines", sagte die Mutter:" Du und Papa, ihr müsst diesmal zu Hause bleiben". Bevor das kleine Einhornmädchen in ihr Bett kroch, hatte es der Mutter das Versprechen abgenommen. dass sie ihm was Schönes mitbringen würde. Als der Vater ihm gute Nacht sagen kam, war die Glut im Kamin schon verloschen. Er umarmte es fest mit einer wunderbaren Papa-Umarmung und sagte, dass sie beide es sich richtig schön machen würden, wenn Mama weg wäre. In dieser Nacht träumte das Einhornmädchen, dass sie grosse, schöne Flügel hätte und über Land und Meer fliegen würde.
Am nächsten Tag spielten das Einhornmädchen und das Trollmädchen wieder zusammen, gingen aber bald zur weisen Eule. "Eule, Eule" riefen sie: "kannst du uns noch einmal die Geschichte vom Bären, der sich verlaufen hatte erzählen. "Nun" sagte die Eule: "wenn ich mich recht erinnere, begann alles an einem Herbsttag, als........" Und dann erzählte die Eule von dem armen kleinen Bären, der sich verlaufen hatte und nicht mehr zu seiner Mutter und seinem Vater nach Hause fand.
Als es Abend wurde, hatte sich der Bärenjunge nicht den richtigen Weg gefunden - er lief immer weiter in die falsche Richtung. Verängstigt und verwirrt wie der Bärenjunge war, traute er sich auch nicht, eines der Tiere im Wald um Hilfe zu bitten. Er fühlte sich so klein und war so verängstigt, dass alle anderen ihm gefährlich vorkamen. Der kleine Bär irrte umher und lief sofort davon, wenn ein anderes Tier in seine Nähe kam. Bald fiel der erste Schnee, der Bärenjunge wurde ganz mager und schwach und war ganz erschöpft vor lauter Kummer und Angst. Wäre die Eule nicht zufällig an einem Morgen über das kleine verschneite Fellbündel geflogen, wäre das bestimmt traurig ausgegangen für den kleinen Bärenjungen. Obwohl der kleine Bär kaum noch Kraft hatte, stand er dennoch auf un wollte vor der eule weglaufen, solche Angst hatte der Bär. Glücklicherweise merkte aber der Bärenjunge, dass Eule ihm wohlgesonnen war und konnte so, dank Eules Hilfe bald in die Höhle der Eltern zurückkehren.
"Aber warum hat sich den der Bärenjunge nicht getraut, nach Hilfe zu fragen" wollte das Einhornmädchen wissen: "Er hätte doch nur jemanden nach den Weg fragen brauchen". "Nun", sagte die Eule: "Manchmal, wenn man sich verirrt hat und mutterseelenallein ist, kann man vor Angst nicht sehen, wo es Hilfe gibt. Wenn man klein und verirrt ist, dann scheint die ganze Welt um soviel grösser und gefährlicher. Also - meine kleinen Freundinnen, seid mutig und traut euch nach dem Weg zu fragen, wenn ihr euch eines Tages verirrt. Das Allerschlimmste ist es, wenn ihr mit eurer Angst ganz allein bleibt.
Als das Einhornmädchen und ihr Vater an diesem Tag zu Abend gegessen hatten, machten sie gemeinsam einen langen Spaziergang. Sie kamen zu dem Bergsee und das es noch sehr warm war, schlug der Vater vor, noch gemeinsam baden zu gehen. Das Einhornmädchen freute sich, es war schön, den Vater einmal ganz für sich alleine zu haben.
So gingen sie in das kühle, ruhige Wasser und schwammen ein Stück hinaus. Der Vater umarmte das Einhornmädchen, und sie umarmte ihn. Sie tauchten und schwammen in dem glitzerndem Wasser umeinander herum und das Einhornmädchen fand das alles ganz wunderbar. Wieder umarmte der Vater das Einhornmädchen, diesmal aber fester. "Lass mich los, ich bekomme keine Luft mehr", rief das Einhornmädchen und lachte. Aber der Vater liess nicht los, sondern umarmte es noch fester und drückte seinen ganzen Körper an ihren. Plötzlich bekam sie Angst und hatte das Gefühl, unterzugehen. Schweigend gingen das Einhornmädchen und der Vater nach Hause. Das Einhornmädchen verstand das alles nicht, so war ihr Vater noch nie zu ihr gewesen. Dem Einhornmädchen schauerte vor Kälte, der Vater sah ärgerlich aus. Hatte sie etwas falsch gemacht? Warum war alles Schöne plötzlich zerstört? Das Einjronmädchen wünschte, ihre Mutter wäre zu Hause und sie sehnte sich danach, unter ihrer weichen, kuscheligen Zudecke zu liegen.
Lange noch lag das Einhornmädchen wach im Bett und als sie fast eingeschlafen war, kam der Vater, er hob die Decke hoch und kroch zu ihr. Das Einhornmädchen wollte nein sagen, doch es traute sich nicht. Sie spürte deutlich, dass da etwas komisch war, aber sie sagte nichts. Der Vater umarmte sie wieder ganz fest, er atmete schwer und sagte, dass sie sein kleines Mädchen sei und noch andere Sachen, die das Einhornmädchen nicht verstand. Sie musste ihm versprechen, der Mama nichts zu erzählen, wie schön sie es zusammen gehabt haben, denn, so sagte er, dann würde die Mutter furchtbar böse und arg traurig werden. Der Vater berührte sie am ganzem Körper. Das Einhornmädchen versuchte sich zu wehren, aber er war so viel stärker als sie. Die schweren Flügel des Einhornvaters kratzten so hart an ihrer Haut, so dass sie selber einige Federn verlor. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis der Vater ihr einen Kuss gab und sagte: "Schlaf jetzt und denk daran, dass du niemandem etwas von unserem Geheimnis erzählen darfst!". In dieser Nacht weinte sich das kleine Einhornmädchen in den Schlaf.
Als am nächsten Morgen die Mutter wieder zu Hause war, traute sich das kleine Einhornmädchen gar nicht, ihr in die Augen zu schauen und sie dachte, die Mutter würde sofort merken, dass etwas nicht stimmte, aber die Mutter wunderte sich noch nicht einmal über die fehlenden Federn. Das Einhornmädchen hatte heute gar keine Lust zu Spielen und ihre Trollfreundin wollte sie auch nicht sehen. Sie stieg auf den hohen Berg, weil sie wusste, dort ist sie alleine. Heute schien auch die Sonne gar nicht und ein leichter Wind wehte - überhaupt sah die Welt heute gar nicht so schön aus, wie sonst. Die Wälder erschienen öde und dunkel und die fernen Berge waren schwarz. Das kleine Einhornmädchen fühlte sich allein auf der Welt, es war, als ob sie beide, Vater und Mutter verloren hätte.
Warum? Warum machte der Vater das? Was hatte sie falsch gemacht? Sie schaute sich ihre nackten Stellen an, wo die Federn des Vaters ihre glänzenden Federn abgeschürft hatten - plötzlich fühlte sie sich hässlich. Traurig ging das Einhornmädchen wieder nach Hause, sie sehnte sich danach, von der Mutter in den Arm genommen zu werden und wie gerne hätte sie auch der Mutter erzählt, was der Vater gemacht hatte, aber der hat ja gesagt, dass Mutter dann fürchterlich böse werden würde.......
In dieser Nacht, als die Mutter eingeschlafen war, kam der Vater wieder an ihr Bett. Das Einhornmädchen wachte auf, als der Vater es anfasste. Sie machte nur die Augen auf und hoffte, dass es bald vorbei wäre. Das einzige, was der Vater sagte, war: "Psssst! Wir dürfen die Mama nicht aufwecken!"
Noch bevor jemand am nächsten Morgen aufwachte, verliess das kleine Einhornmädchen das Haus. Sie ging in den Wald, am See vorbei und immer weiter, ohne eigentlich zu wissen wohin. Sie fror im Morgennebel und als sie im See ihr Spiegelbild sah, fing sie an bitterlich zu weinen. Ihr ganzer Körpder war fleckig, weil die Federn abgefallen waren. Sie lief schneller - nur schnell und weit weg von zu Hause......Sie fand eine Höhle und beschloss, dass dies nun ihr neues zu Hause sei. Die Zeit verging - und das kleine Einhornmädchen blieb in ihrer Höhle, jeden Abend weinte sie sich in den Schlaf. Sie wurde mager und sehr einsam, denn in dem Wald gab es keine Freunde, mit niemandem konnte sie reden.
Eines Tages passierte etwas Unerwartetes - vor ihrer Höhle sitzend sah sie am Waldrand ihre Trollfreundin mit ihrer Mutter, doch das Einhornmädchen wollte nicht, dass ihre Freundin sie findet und rannte in ihre Höhle zurück. Doch die Trollin hatte ihre Freundin schon längst entdeckt und lief dem Einhornmädchen hinterher. "Einhornmädchen, was ist denn passiert?, fragte die Trollin: "warum bist du weggelaufen? du hast dich ja ganz doll verändert?!" Das Einhornmädchen hatte Angst, aber dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und erzählte ihrer Freundin die ganze Geschichte. Sie war erleichtert, aber auch unruhig, als sie ihr Geheimnis mit der Freundin teilte. "Nun kann ich dich verstehen" sagte die Trollin: "ich wäre bestimmt auch weggelaufen. Aber hör mal, erinnerst du dich an die Geschichte, die die Eule immer erzählt hat, von dem Bärenjungen, der sich verirrt hatte und sich nicht traute, nach dem Weg zu fragen? Du hast dich jetzt verirrt. Sei so mutig und frage jemanden nach dem Weg, jemandem, dem du vertraust, lass uns zur Eule gehen!"
Sie gingen gemeinsam zur Eule, das Einhornmädchen zitterte am ganzen Körper. "Liebe Eule, ich habe ein Geheimnis, über das ich mich so schäme. Ich weiss nicht, wie ich anfangen soll......" "Indem Du dein Geheimnis mit deiner besten Freundin geteilt hast, hast du schon den ersten Schritt gemacht. Es war sehr mutig von dir! Mach jetzt noch ein Schritt und erzähle es mir auch" sprach die Eule.
Das Einhornmädchen fing an zu erzählen, Tränen rannen über ihr Gesicht, sie erzählte von den Umarmungen des Vaters, seinen Berührungen und wie er nachts in ihr Bett gekommen ist. Er hatte ihr wehgetan und zeigte der Eule auch ihren fleckigen Körper.
Die Eule legte ihre Flügel um das Einhornmädchen und sagte: "Du bist so mutig gewesen und du hast richtig gehandelt, dass du zu mir gekommen bist und mir alles erzählt hast. Und nun höre mir gut zu, was ich dir zu sagen habe: Nichts von dem, was passiert ist, ist deine Schuld! Es ist dein Vater, der falsch gehandelt hat. Er hätte das nicht tun dürfen. Niemand wird deswegen böse auf dich sein. Ich verspreche darauf zu achten, dass dir niemand mehr weh tut. Ich kann verstehen, dass du weggelaufen bist, niemand braucht soetwas auszuhalten. Aber jetzt hast du das wichtigste getan: du hast es erzählt, hast nach dem Weg gefragt, als du dich verirrt hattest. Das deinige hast du getan und jetzt übernehme ich das weiter."
Die Eule sorgte dafür, dass das Einhornmädchen mit ihrer Mutter in der nächsten Zeit bei der Trollfamilie wohnte. Da fühlte sie sich sicher und wurde auch verwöhnt und getröstet, wenn es ihr schlechtging. Es war so schön, wieder mit der Mutter zusammen zu sein. Je mehr das Einhornmädchen über das, was geschehen war, redete, desto weniger schämte sie sich. Jeden Tag ging es ihr ein bisschen besser, und sie wurde auch jeden Tag ein bisschen stärker.
Eines Morgens stand sie wieder oben auf ihrem Berggipfel. Trotz allem sah die Welt von dort ganz schön aus.......und zu ihrer grossen Freude begannen ihr schon wieder neue, glänzende Federn zu wachsen!


